1. Crossmedia Book, ein neues Buchformat

CROSSMEDIA BOOK: Ein neues Buchformat

Hallo, hier ist der erste Podcast von Crossmediabook Berlin. Ich bin Adelheid Seltmann.

Ich mache die Texte unserer Bücher und arbeite zusammen mit Joerg Franzmann, der die Videos und Bilder hin zu fügt sowie einem Team von Übersetzern, Musikern und Sprechern. Die Bücher „Deutsches Epitaph“ und „German Epitaph“ waren zwar 2005 im Prinzip schon fertig, aber erst 2021konnten von uns 10 Crossmedia Books bei Apple und Amazon zum Download bereitgestellt werden. Erst die neusten Updates bei Apple und Amazon machten das möglich. Bis dahin war es für unser Team ein weiter Weg. Und auch wenn 18 Jahre Arbeit diesen Veröffentlichungen vorausgingen, muss leider immer noch das Format des Crossmedia Books als innovativ bezeichnet werden. Immer noch sind unsere Crossmedia Books Pilotprojekte und  weitgehend unbekannt. Wir müssen für ein Format werben, das es bisher noch nicht gegeben hat.

Crossmediabook: was ist das?

Wer Suchmaschinen nach dem Begriff „Crossmediabook“ durchscrollt, findet Seite um Seite im Zusammenhang mit „crossmedia“ vieles. Vor allem um den Crossmedia Journalismus bemühen sich Produktionsfirmen und Ausbildungsteams. Nur ein Begriff fällt gar nicht: Crossmedia Book. Warum ist das so? Eigentlich ist das unverständlich.

Warum reagieren die großen digitalen Publikationsverlage nicht auf eine digitale Innovation, die im Grunde genommen im journalistischen Bereich längst angekommen ist und von der man sagen kann, dass sie zunehmend die digitalen Medien bestimmt? Nämlich: dass die Texte als Texte wiedergegeben werden, dass sie eingesprochen sich als Audiostories präsentieren, dass ihnen Bilder zugeordnet und ergänzende Videos eingeblendet oder verlinkt werden.

Das ganze Medieninstrumentarium wahlweise und je nachdem, wie es möglich ist und nötig erscheint, zu verwenden, um Inhalte möglichst plastisch, akustisch und optisch eindrucksvoll darzustellen, ist eigentlich inzwischen normal und wird, wie man mitverfolgen kann, von Woche zu Woche verbessert und erweitert, auch auf den online Seiten der öffentlichen Fernsehanstalten.

Nur das Buch, insbesondere das literarische Buch, erhält eine solche multiple Medienpräsenz bisher im Allgemeinen nicht. Es bleibt als sog. eBook Klon gekoppelt an seine gedruckte Vorlage. Dabei werden die Texte in PDF eingescannt und die Bücher dann wahlweise im Papierdruck oder als eBook verkauft.

Klar kommt dem Leser entgegen, dass das eBook dann sofort heruntergeladen werden kann, und es ist auch etwas kostengünstiger. Selten aber erhält das eBook ein eigenes, den Möglichkeiten des Digitalen entsprechendes Design.

Das ist bei den Texten der journalistischen Medien anders. Sie werden digital durchgestaltet und designed, wie zum Beispiel bei der Washington Post und dem Spiegel.

Dabei läge ein neues Design eigentlich bei dieser Produktionsweise nahe. Ein Vorteil ist ja vor allem, man muss nicht Platz sparen, und man kann die Texte ausbreiten. Übersichtlichkeit ist kein Problem. Vor allem kommt ein digitales Design auf dem Bildschirm der Lesbarkeit entgegen. Buchstaben lassen sich verändern, der Farbhintergrund auch.

Neben dem eBook macht inzwischen immer mehr das Hörbuch Karriere.Es lässt sich bequem beim Autofahren oder im Zug konsumieren. Man muss seine Augen nicht auf einen Text fixieren und kann andere Tätigkeiten daneben verrichten. Dafür verzichtet man allerdings darauf den Text nachlesen zu können.

Ein komplexes Crossmedia Book aber, das wahlweise gelesen, gehört und als Film angeschaut werden kann, bietet da mehr. Diese Vorteile haben inzwischen einige Kochbücher und unter anderem die Reiseführer für sich entdeckt. Sie werden bereits häufiger in der eBook Ausgabe elektronisch entsprechend erweitert. Auch bei Schulbuchausgaben fügt man zunehmend Bilder und Filme ein.

Das liegt ja auch auf der Hand. Ein elektronisches Buch hat unheimliche Vorteile gegenüber der alten Lesefibel oder dem Mathe- und Physikbuch. Es kann sehr leicht mit Updates aktualisiert und denn Erfordernissen des Unterrichts angepasst werden.

So sollte es sein, und immer mehr ist es auch schon so: die Schüler gehen mit ihrem iPad zur Schule, nicht wie ehedem mit schweren dicken Büchern. Ganz sicher wird so für die meisten Schüler und Lehrer die Zukunft des Unterrichts aussehen.

Das war wohl damals 2012 auch die Vision von Steve Jobs, als er sein iPad vorstellte. So hatte er es geplant und daraufhin das Design dieses Gerätes ausgerichtet.

Nur verlangt das dann ein Umdenken in der herkömmlichen Pädagogik, einen Umbruch, der allerdings von den meisten Pädagogen erst einmal begriffen und geleistet werden müsste.

Das literarische Buch aber ist als gedrucktes, bestenfalls noch eingescanntes Buch in einen solchen digitalen Prozess der Erneuerung nicht einbezogen.

Eine Crossmedia Medienpräsenz, wie sie den journalistischen Texten, den Kochbüchern und Schulbüchern zuteilwird, gibt es für das literarische Buch in der Regel nicht, hier scheint Digitalität noch weit entfernt zu sein.

Woran liegt das?

Ich denke, es gibt verschiedene und vielfältige Gründe.

Zum einen ist der Literaturbetrieb, sind vor allem die Verlage nach wie vor auf das gedruckte Buch fixiert. Ihr Leser, ihre Leserin ist im Durchschnitt 50 Jahre alt und mehr. Die Älteren aber sind gedruckte Bücher gewohnt und halten vorzugsweise an Gewohnheiten fest.

Zudem ist der literarische Roman und ist die ältere Lyrik mit ihren traditionellen Formen in eine analog strukturierte Kultur eingebunden. Diese Texte stehen in einem anderen historischen Kontext. Digitale Veröffentlichungen und Präsentationsformen sind da nicht adäquat. Diese Literatur braucht keine Digitalität, kein crossmedia Book. Dies auch dann nicht, wenn viele der gestreamten Filme auf Drehbücher zurückgreifen, die gedruckten Romanen entnommenen wurden. Bei ihnen fungiert der traditionelle Roman als Bindeglied zwischen gelesenem Text und geschauter Filmhandlung.

Dazu kommt zweitens, dass der Umgang mit digitalen Medien für alle, die damit nicht aufgewachsen sind, wie die sogenannten „digital kids“, durchschnittlich eine Herausforderung ist. Für viele der über Fünfzigjährigen war das Internet einmal „Neuland“ und wird Neuland bleiben, Neuland, das mühsam bewältigt oder aber doch im Grunde genommen sehr gerne auch abgelehnt wird.

Besonders beunruhigend ist für sie ist wohl auch, dass das Update für Digitalität substantiell ist, d.h. dass alles, was digital zur Anwendung gebracht wird, jedes Programm, jede Software genauso wie jede Hardware, nie sehr lange so besteht, wie es kürzlich noch war. Vielmehr ist es ständig sich verändernd auf Erneuerung und Verbesserung aus. Gerade das aber entspricht nicht dem Ruhebedürfnis einer Rentnergesellschaft, die sich genießend zurücklehnen möchte und die das Bewährte dem Neuen vorzieht. Bei der Alterspyramide der kapitalistischen Industriegesellschaften entsteht dadurch eine Spaltung der Gesellschaft.

Für die Jungen ist Digitalität normal. Sie stellen sich dem Prozess einer ständigen Disruption. Sie handhaben Erneuerungen mit leichter Hand und verstehen es damit umzugehen. Ihre Stimmen aber sind, besonders wenn es um politische Wahlen geht, quantitativ denen der Alten unterlegen, sprich: die Alten bestimmen in einer Demokratie die kulturellen Gewichtungen. Sie bestimmen, was als sog. „Kultur“ gewertet und staatlich gefördert wird.

Die Jungen kommen mit ihren digitalen Erfahrungen und ihrer neuen Denkweise gegen das Bedürfnis der Alten auf dem Gewohnten zu beharren nicht leicht an. Dies gilt zurzeit auch dann, wenn eigentlich die ältere Generation schon noch begreift, dass es nicht nur für die Wirtschaft schädlich ist, sich dem Umbruch der digitalen Revolution zu verweigern. Digitalität aber in seinen eigenen Alltag hineinzunehmen ist noch etwas anderes als, wenn auch mit schlechtem Gewissen, darüber öffentlich und im politischen Kontext zu reden und darüber zu verhandeln, was eigentlich sein sollte und gebraucht wird.

Der dritte Grund, weshalb das digitale literarische Buch bis heute kaum existent ist, ist die Art, wie es produziert werden muss, denn jetzt sind die herkömmlichen Produktions- und Verlagswege nicht mehr möglich. Eine Druckerei brauchen digitale Texte nicht. Das ist eigentlich schon beim eBook so. Nur dass bis jetzt die Verlage die eBook Herstellung zu organisieren imstande sind. Auch mit dem eBook Klon lässt sich Geld verdienen.

Dabei kann das Layout von Büchern über Programme im häuslichen, sogar kleinen Studio gemacht werden, dafür braucht es nicht die Organisation durch einen Verlag. Die Korrekturen übernehmen Programme perfekter als ein meist ein Korrektor,  und zunehmend leistet die KI das Übersetzen mit einer hochqualifizierten Software, die ständig weiter ergänzt und verbessert wird. Ohne Probleme können Texte inzwischen sekundenschnell in beliebig viele Sprachen übersetzt werden. Dazu kommt, dass die ehemaligen Funktionen der Verlage nun die Plattformen übernehmen. Ihre Webseiten bieten eine Beschreibung der Bücher sowie eine Biographie der Autoren. Den Vertrieb inklusive Werbung machen die großen ITFirmen wie Apple und Amazon mit zielgenauer Werbung. Auch hier kann auf einen Verlag verzichtet werden. Zudem wird präzise und täglich abgerechnet, übersichtlich für den Autor und zu klar definierten Bedingungen. Apple zahlt bisher 70% eines Downloads, das ist das Vielfache des in der Buchbranche üblichen Autorenhonorars. Außerdem werden freie Downloads zu Werbezwecken angeboten. Ähnlich verfährt Amazon. Damit verschwinden ganze Berufszweige, wie der des Übersetzers und der des Lektors.

Für den Autor ist das insofern von Vorteil, als er nicht mehr in einer quälenden Warteschleife versuchen muss, bei einem Lektor vorstellig zu werden. Er oder sie muss sich ihm nicht andienen, muss nicht sein Urteil, die Ablehnung oder Zusage abwarten. Das „Urteil“ des auf einer Plattform veröffentlichten Buches fällt der Markt, der Verkauf.

Der große Vorteil für den Autor, diese neue Freiheit für ihn, ist nicht zu unterschätzen.

„MeToo“ Debatten sind von vornherein auszuschließen. Es kommt auf den Text an, nicht das Aussehen und Geschlecht der Autoren oder Autorinnen. Allerdings muss der Autor finanziell in der Lage sein sich die Hardware zu beschaffen, also einen Computer, der den Anforderungen der Programme genügt, und ja, da gibt es fortwährend neue Programme, und ja: kleine Laptops schaffen das ganz nicht. Dazu muss er die Software der Programme handhaben können, d.h. für ein crossmedia Book: Audioproduktionsprogramme wie Logic zum Beispiel und Film- und Bildprogramme wie Final Cut. Das ist eine Herausforderung, die mit jedem Update eine neue ist.

Dafür aber braucht es braucht mehr als einen Arbeitstisch. Stifte und Papier, auch die alte Schreibmaschine ist auszurangieren. Ein Studio ist notwendig: eine Investition, für die man Geldgeber finden muss, die dem neuen Produkt zutrauen Gewinn abzuwerfen.

Aber wer investiert in eine solche Innovation? Zahlt sie sich aus? Gerade in Deutschland ist das nicht so leicht Investoren zu interessieren. Und sowieso: bei den alten Verlagen wird man dafür keine Freunde finden. Sie wissen oder ahnen, dass da etwas fundamental Neues entsteht, eine Konkurrenz des Zukünftigen, und dass sie bald das Nachsehen haben werden mit dem, was sie zu bieten gewohnt sind. Sie neigen deshalb eher dazu, eine solche elektronische Produktionsweise abzulehnen oder sogar zu verhindern.

Doch noch können sich die Traditionsverlage wie zum Beispiel Suhrkamp und Fischer auf ihre Stammleser und Käufer verlassen, immer noch, auch wenn man fragen darf, wie lange noch?

Ihre Kunden lesen in der Regel ungern auf den Bildschirmen der Computer, sondern eher gemütlich unter der Lampe auf dem Sessel Bücher, die gedruckt sind, in denen man blättern kann mit der bekannten konkreten Haptik des Papiers.

Das allerdings wird sich ändern, der Zeitticker läuft.  Dies auch weil zunehmend das Papier für gedruckte Bücher nicht mehr oder nur begrenzt vorhanden ist. Das recycelte Papier aber wird eher für Verpackungen der Onlinelieferanten verbraucht, die Druckkosten für die Verlage steigen.

Ein ernst zu nehmendes Problem allerdings ist, dass die Art der Werbung, wie sie die Plattformen Apple und Amazon zum Beispiel leisten, ausschließlich darauf zielt, möglichst viele Käufer zu finden, und das heißt immer auch: sie ist anti-elitär.

Es geht um die Masse der Leser, die kauft und dann mit ihrem Kauf abstimmt und vielleicht noch Punkte für die Bewertung abgibt.

Aber reicht es denn, wenn zum Beispiel Amazon Kindl am Ende eines elektronischen Buches nach der Bewertung des Lesers fragt? Einen Stern oder fünf Sterne geben für was? Dafür, dass meine Meinung bestätigt oder widergespiegelt wurde? Dafür, dass ich mich auf spannendeweise gut oder überhaupt nicht unterhalten habe?

Fragt sich doch: welche Hintergrundinformationen haben die Leser für ihre Beurteilung und welche qualifizierten Argumente bringen sie vor? Wird da nicht vornehmlich zunächst einmal der Mainstream bedient und beißt sich da nicht die Katze in den Schwanz: der Mainstream erzeugt Mainstream Gewohnheiten und generiert sich selbst dabei?

Kulturelle Qualität erkennen verlangt Vorbildung, kritische Kompetenz, und diese Kompetenz ist nicht jedem durchschnittlichen Leser zuzusprechen oder zugänglich. Er braucht Hilfe, Beratung, Durchsicht in einer unübersichtlichen Masse von gedruckten Büchern und Titeln.

Innovationen haben es gerade bei digitalen Präsentationen schwerer als sonst. Sie kommen weniger leicht durch, auch weil das Netz Anonymität bei maximaler Reichweite ermöglicht.

Umgekehrt bedeutet das: literarische Kultur braucht Mediation, eine kritische Durchleuchtung des Angebots an Titeln, wenn sie nicht im Kreislauf der sogenannten Bestseller verkommen will, das ist nicht zu leugnen. Was bringen mir Tausende mögliche Titel, die ich zum Beispiel bei Amazon downloaden kann, wenn ich nicht weiß, welche Bücher sich zu lesen lohnen und welche Zeit ich gewillt bin mit dem Lesen dieser Bücher zu verbringen?

Zusammengefasst: die Digitalität der Präsentation von Literatur allein, die schnelle Verfügbarkeit der Bücher garantiert noch nicht eine literarische Innovation, die qualitativ überzeugen kann.

Dagegen aber können Verlage auf ein historisch bewährtes Auswahlsystem zurückgreifen.

Sie bewerkstelligen seit langen Jahren eine Moderation, die auf Qualität setzt. Gut verlinkt sind sie in der Lage, die Literaturkritik in der Presse einzubeziehen, die ihnen auf gewohnte Weise gerne vertraut und in sehr vielen Fällen auch vertrauen kann.

Dass eine solche Garantie von Qualität notwendig ist, eine Empfehlung von Kundigen, Kennern, ist nicht von der Hand zu weisen und immer noch ein wichtiges Argument für das alte Verlagssystem. Allerdings gilt auch das: viele gute Autoren wurden, wie dann die Literaturgeschichte später berichtet, zunächst abgelehnt, ebenso erhielten schlechte Autoren den Zuschlag und wurden hochgelobt in die Riege von Weltliteratur, was die Geschichte dann korrigierte. Ihre Namen sind vergessen.

Das alte Verlagssystem der Lektoren mit Persönlichkeiten wie Unseld bewertete den Autor und mit ihm sein Werk auf der einen Seite, war aber auch in der Lage ihn zu demütigen. Man denke an die vielen später hochgelobten Autoren, die von Lektoren zunächst nicht beachtet wurden.

ZITAT: Siegfried Unseld

»Auf die Frage, wie in kürzester Form der Suhrkamp Verlag zu charakterisieren sei, antworte ich in der Regel: Hier werden keine Bücher publiziert, sondern Autoren.«

Siegfried Unseld war ein kompetenter Kenner, sein Urteil wurde gehört. Doch die Zeiten, in denen Persönlichkeiten wie er wirkten und wirken konnten, sind wohl vorbei. Und zurzeit verlassen sich die Verlage gerne sich auf das, was man das „Preiskarussell“ nennen kann, auf die turnusmäßigen Buchpreise vor allem der Buchmessen, die ausgerufen werden.

Wer hinschaut und vergleicht, merkt schnell: man spricht sich ab und teilt sich das offensichtlich auf. Einmal bekommt der eine Verlag die Chance einen Autor zu hypen, dann wieder ein anderer. Wichtig ist: die Autoren erhalten damit Pressewerbung und Fernsehauftritte.

Das System hat allerdings nicht in erster Linie mit der Qualität des Buches zu tun, und in jedem Fall ersetzt es nicht die Kultur einer qualifizierten Literaturkritik. Gedruckt werden zudem gerne Bücher von Leuten, die aus Politik und Fernsehen bekannte Namen haben. Das garantiert Absatz, besonders wenn in Talkshows die Bücher vorgestellt werden.

Das heißt also: das druckende Verlagswesen lebt heute wesentlich davon, dass sich die Bücher von Autoren, die auf ganz anderen Feldern tätig sind – in Wissenschaft, Sport oder Politik eben – deswegen verkaufen, weil ihr Namen bekannt sind. Haben wir eine VIP Literatur?

In jedem Fall sind diese Bücher vor allem gedruckte, meist sehr schöne und gut designte Bücher, dann in der Regel mit dem eingescannten elektronischen Zwilling.

Literaturkritische Sendungen, wie das literarische Quartett zum Beispiel, nehmen sowieso von rein digitalen oder crossmedia Books keine Kenntnis. Es scheint solche Bücher für sie gar nicht zu geben?

Es wäre wichtig, da einzuhaken und zu fordern, dass Literaturkritik im 21.Jahrhundert die digitale Literatur wahrnimmt und anerkennt. Dass sie sich auch für genuin digitale Bücher zuständig erklärt. Das ist bisher leider nicht der Fall, im Gegenteil.

Ein Literaturkritiker des Berliner Tagesspiegel hat mir neulich schlichtweg entgegengehalten, er kritisiere digitale Bücher grundsätzlich nicht. Der Stapel an gedruckten Büchern, den er bearbeiten müsse, sei sowieso viel zu hoch, und er setze da Prioritäten.

Nun ist es nicht so, dass die Schwierigkeit einer kritischen Auswahl und Beurteilung nur das Problem der digitalen Literatur ist. Auch die gestreamten Filme auf Netflix kennen das Problem einer kritischen Mediation.

Welcher Film lohnt sich zu sehen, welcher nicht? Womit verschwende ich meine Zeit, welcher Film bringt mir etwas an Unterhaltung oder Erkenntnis? Die Plattform „Mubi“ betreibt ein Filmabonnement, das auf preisgekrönte Filme, auch ältere Filme spezialisiert ist und damit wirbt, dass man seine Zeit nicht mit schlechten Filmen vertun sollte.

Auch Apple TV + produziert eine anspruchsvolle Filmreihe, die von vornherein auf Qualität setzt. Nur im literarischen Bereich ist offensichtlich nichts dergleichen in Sicht, hier ist Luft nach oben.

Dem Beispiel von Mubi folgend, könnte man ein Abonnement für von guten Kritikern moderierte und empfohlene digitale Bücher schaffen, aber von denen gibt es noch zu wenige. Bleibt das Prinzip Hoffnung.

Als Clauss von der Welt am Sonntag in der Ausgabe vom 4.4.2012 unser Crossmedia Projekt als „Aufbruch in eine neue Zeit bewertete“, waren wir damals noch ganz am Anfang, mehr als uns bewusst sein konnte und mehr als wir gehofft hatten.

Er schreibt:

Mittelfristig wird sich durch Geräte wie das iPad und andere E-Reader wohl auch die Art des Schreibens verändern – weg vom reinen Text, hin zu audio-visuellen Präsentationsformen eines Buches. „Das wird die ganze Kunstform verändern

Und ebenso beschrieb Michael G. Meyer am 28.5. 2012 unsere damaligen Veröffentlichungen als „Crossmedialen Urknall“ der Literatur.

Es gab also schon vor neun Jahren zunächst einmal eine positive Aufmerksamkeit für unser neue Format. Dennoch folgte auf diesen ersten Hype: Schweigen.

Wir waren damals zunächst einmal enttäuscht. Heute, zehn Jahre später, erweisen sich diese Sätze als Leuchtfeuer für eine Zukunft, die noch nicht in vollem Umfang Gegenwart ist, aber von der wir jetzt glauben möchten, dass sie es sein wird. Denn, soviel ist klar und das haben Clauss und Meyer damals erkannt: das Crossmedia Book ist nicht nur eine neue Form der Präsentation von Literatur.

Es geht um eine neue Art der Literatur, weg von historischen Traditionen, weg von bekannten Erzählformen und bekannten lyrischen Metaphern. Diese neue Literatur wird sich und sollte sich zu ihren Wurzeln und ihren Traditionen bekennen, das schon, das ist sogar extrem wichtig, das ist eine Voraussetzung dafür, das Innovation gelingen kann.

Aber auf dem Hintergrund der literarischen Traditionen, ihres Erbes, ist jetzt im 21. Jahrhundert, eine Disruption der Literatur mit weitreichenden Konsequenzen notwendig, muss sich eine digital orientierte Literatur neu aufstellen.

BERLIN JUNI 2022